Baustelle Wundheilung

Diesmal schauen wir uns an, warum wir aufhören zu bluten, was diese durchsichtige  Wundflüssigkeit ist und wie der persönliche Stresslevel die Wundheilung beeinflusst. Und warum juckt es immer so schrecklich, wenn es heilt?!

Mikroskopische Aufnahme von einer Fresszelle bei der Arbeit: 

 

Baustelle Wundheilung

Hi! Willkommen bei Biochemie mit Bianca!

Heute widmen wir uns den kleinen Auas zu. Wie verheilen Wunden?

Und was haben CDs damit zu tun?

 

Auuuu….fschürfungen

Also: Aufschürfungen und kleinen Schnittwunden gehören – leider leider – zum alltäglichen Leben. Beim Fahrradfahren gestürzt, beim Kochen in den Finger geschnitten, oder mit dem Knie über den Kunstrasen geschlittert.

Ja, das sind nur wenige von viiiiielen Malen, dass ich und all jene die das gleiche tollpatische Talent mitbringen, diese Momente erleben durften. Dass wir nicht übersät mit unendlich vielen und diversen Wunden sind, verdanken wir unserem genialen Wundheilungssystem!

Also während dein bester Freund oder Freundin der ganzen Welt prustend von deinem neuesten Sturz berichtet, arbeitet in uns eine ganzes Orchester verschiedener Stoffe und Signale, um uns wieder zu reparieren.

Heute hören wir uns an, warum wir aufhören zu bluten, was diese durchsichtige Wundflüssigkeit ist und wie der persönliche Stresslevel die Wundheilung beeinflusst.

Und warum juckt es immer so schrecklich, wenn es heilt?!

Es gibt natürlich noch andere Arten von Wunden als Aufschürfungen und kleine Schnittwunden. Wie zum Beispiel GROSSE Schnittwunden, Verbrennungen, oder Quetschwunden.

Aber die lassen wir heute aus.

Die kleinen Auas tun schon genug weh. 

 

Beginnen wir beim besten Teil des Tages:

Beim  Frühstück!

Du bist in deinem gemütlichen Jogger Anzug, machst dir dein Frühstücksmüsli und willst mit deinen tollen, tollen Kuschelsocken mit Schwung über den Boden zum Tisch rutschen. Aber am Boden klebt noch was vom gestrigen Abendessen, der Socken stoppt abrupt ab, du stürzt, versuchst das Müsli zu retten und schlitterst mit deinem Ellbogen über den Boden.

Der Ellbogen ist aufgeschürft, blutet leicht und tut saumäßig weh!

Aber wenigstens hast du das Müsli gerettet!

Wenn wir jetzt 1-2 Wochen vorspulen, hat sich hier bereits eine frische rosa Haut gebildet.

Diese rosa Haut, und eventuell spätere Narbe, ist die letzte Station von verschiedenen, sich überlappenden Phasen der Wundheilung.

Hier zuerst eine grobe Übersicht, bevor wir weiter in die Wunde eintauchen…

Auf eine kurze Ruhephase folgt die Entzündungsphase, in der die Blutung gestoppt wird und diese etwas grauslich anmutende durchsichtige Wundflüssigkeit austritt.

Wir nennen die Entzündungsphase: Phase 1.

Anschließend wird während Phase 2, der Granulationsphase, neue Haut gebildet.

Daraufhin folgt die 3. Phase, die Regernationsphase, in der sich eine Narbe bildet, was bis zu mehreren Wochen dauern kann.

Manche sprechen noch von einer weiteren Phase: der Maturationsphase.

Also die Reifung der Narbe. Das ist der Teil, in dem die Narbe schrumpft und verblasst.

Abhängig von Wunde und individuellem Menschen dauert es bis zu 2 Jahren, bis die Narbe ihren endgültigen Status erreicht hat. Aber so viel Zeit haben wir heute nicht, deshalb bleiben wir bei den Phasen 1-3.

Nochmals zur Wiederholung:

Phase 1: die Entzündungsphase

Phase 2: die Granulationsphase

Phase 3: die Regenerationsphase 1

 

Auf geht’s mit Phase 1, der Entzündungsphase und der ersten Frage:

Wieso hören wir auf zu bluten?

Die Haut ist die wichtigste Barriere, um unsere Innenwelt vor der Außenwelt zu schützen. Wenn diese beschädigt wird, versucht unser Körper diese schnellstmöglich zu schließen.

Die Wunde gleicht einer Baustelle eines Hauses.

Wenn eine Mauer eines Hauses Risse und Löcher bekommt, dann wird dieses Loch vorläufig mit dem verschlossen, was gerade verfügbar ist.

Genauso reagiert unser Körper auch. Wenn eine Wunde entsteht, legen sich sofort ein Haufen von Blutplättchen, die ausschauen wie kleine CDs, an dieses Loch 2.

 

Parallel dazu verengen sich für kurze Zeit die umliegenden Blutgefäße. Die verengten Blutgefäße und die Anlagerung der CDs verringern den Blutverlust so gut es geht 3.

Außerdem kommt ein wichtiges Protein herangeeilt und es lautet:

FIBRIN!

Fibrin baut in Windeseile ein Gerüst in der Wunde auf und verstärkt damit die provisorische Wand der CDs. Dazu kommt, dass dieses Gerüst äußerst praktisch ist für die vielen Moleküle, die in den folgenden Stunden und Tagen an der Wundheilung beteiligt sind. Fibrin ist quasi das Baugerüst für die Maurer und Maler der Baustelle. Fibrin wird übrigens in der Leber und in kleinen Mengen in der Lunge hergestellt 2.

 

Nach diesen ersten paar Notmaßnahmen:

  • die Verengung umliegender Blutgefäße
  • die provisorischer Wundverschließung durch die Blutplättchen-CDs
  • und dem Baugerüst-protein Fibrin wird eine Reihe an Signalen losgeschickt die wiederum eine Orchester an Wachstumsfaktoren dirigieren.

Mit einem Ziel: die verletzen Gefäße und Gewebe mit Turbogeschwindigkeit wachsen zu lassen und die Wunde endgültig zu verschließen.

Und wichtige Faktoren sind zum Beispiel die TGFs, EGFs, PDGFs, FGFs, IGFs, VEGFs, HGFs, TNFs, CSFs, Interleukine und Interferone 4.

Puhhh

Und das waren jeweils nur die übergeordneten Gruppen…. also genauer:

Die Abkürzungen der übergeordneten Gruppen wichtiger Signale…

Es ist faszinierend was für ein Orchester an Signalen und Wachstumsfaktoren unser Körper nur für die Schließung einer kleinen Wunde dirigiert! Für den Podcast heute lassen wir das Orchester aber im Hintergrund laufen und widmen uns der nächsten Frage:

Was ist diese durchsichtige Flüssigkeit, die aus der Wunde tritt?

Um mein schönstes Wienerisch auszupacken:

Die Wunde saftelt.

Auch wenn es ekelig ist, dieses Wundsekret ist für die Reinigung der Wunde besonders wichtig! Bevor die Wunde endgültig verschlossen wird, müssen alle Fremdkörper, wie zum Beispiel Hautfetzchen, Bakterien, oder Staubpartikel rausgespült, oder gefressen werden.

Die Fresszellen unseres Körpers gehören zu den weißen Blutkörperchen und wie der Name schon sagt, fressen sie Bestandteile, die dort sind, wo sie nichts verloren haben. Es gibt wirklich ganz tolle Videos in dem zu sehen ist, wie die Fresszellen Bakterien regelrecht jagen!

In den Shownotes kannst du dem Link folgen und dir dieses Video anschauen!

 

Zusätzlich zu den Fresszellen beginnt der Körper verstärkt Lymphflüssigkeit zu produzieren.  Diese Flüssigkeit tritt an der Wunde aus und hat gleich zwei gute Effekte:

Einerseits schwemmt sie Fremdkörper aus, anderseits bringt sie in der Flüssigkeit noch mehr Abwehr- und Fresszellen mit zur Baustelle 6.

Der Mythus sich Alkohol über Wunden zu leeren, um sie von Bakterien zu reinigen, hält sich hartnäckig. Wenn man wie Mel Gibson’s Vater im Film „Braveheart“ Spiritus über die Wunde geleert bekommt, tut das nicht nur sehr weh, sondern schadet auch dem jungen gesunden Gewebe und kann die Wundheilung verzögern. Mangels Alternativen erfüllt das schon seinen Zweck.

Aber lauwarmes Wasser, oder Kochsalzlösungen sind dann doch die bessere Wahl, um die Wunde schonend zu reinigen 7.

Nachdem die Blutung gestoppt und der Schmutz entfernt wurde, beginnt der Wiederaufbau. Neue Blutgefäße strömen in die Wunde und bringen somit auch vermehrt die nötigen Nährstoffe zur Baustelle. Schritt für Schritt wird das provisorische Fibrinnetz durch neue Zellen namens Fibroblasten verdrängt und abgebaut.

Das Protein Fibrin, welches der Körper zum schnellen Verschließen der Wunde nutzt, wird bereits in Form eines Sprays als Wundverschluss ausgetestet. Das ist vor allem bei Operationen äußerst nützlich. Wundheilung kann somit beschleunigt werden, vor allem, wenn im Spray noch Fibroblasten hinzugefügt sind. Der Körper wird also bei der Wundheilung durch ganz natürliche Bestandteile unterstützt8.

 

Lange hat man sich die Frage gestellt, ob die neuen Zellen einzeln vom Wundrand in die Wunde hüpfen, oder ob sie vereint, Hand in Hand, in die Wunde einwandern und sie überdecken.

Um die Frage zu lösen, hat man sie einfach gefilmt! Jawohl, man hat die Hautzellen gefilmt.

Mittels einem 3-D time-lapse video hat man festgestellt, dass 95% der Zellen vereint, Hand in Hand, fortschreiten und somit eine neue Schicht über die Wunde ziehen.

Sobald die Fibroblasten eine neue Schicht gebildet haben, wandeln sie sich mit der Zeit in Kollagen um. Allerdings formt dieses Narben-kollagen ein anderes Muster wie das Kollagen das in normaler Haut zu finden ist. Manchmal schießt die Kollagenbildung auch übers Ziel hinaus und das kann zu einem regelrechten kleinen Narben-hügel führen 2.

Wie gut eine Wunde heilt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Wundversorgung, Ernährung, Alter, Übergewicht, Rauchen, und bestimmte Krankheiten wie Diabetes spielen eine wichtige Rolle hierbei9!

Außerdem hat man herausgefunden, dass sowohl psychologischer Stress die Wundheilung negativ beeinflusst 10, wie auch der Tageszeitpunkt an dem man sich die Wunde zugezogen hat! Aufgrund unserer biologischen Uhr heilen Wunden, die tagsüber passieren schneller, als diese die während der Nacht passieren11.

Also besser den Zeh in der Früh, als Nachts am Bett anhauen…

 

Und nun kommen wir zu unserer letzten Frage:

Warum juckt es so, wenn eine Wunde heilt?

Eines der vielen Signale die während der Wundheilung ausgesandt werden,ist der Botenstoff Histamin. Und all jene, die eine Histaminunverträglichkeit haben, oder an Neurodermitis leiden, wissen:

ES JUCKT wenn Histamin im Spiel ist!

Dazu kommt, dass neugebildete Haut noch sehr weich und sensibel ist. Viel sensibler als der harte Schorf der darüber liegt. Die Spannung die dabei zwischen weicher Babyhaut und hartem Schorf verursacht wird, verstärkt den Juckreiz noch dazu. Weil dies neue Haut erst kürzlich das Licht der Welt erblickt hat, ist sie besonders empfindlich und Kratzen sollte so gut wie möglich vermieden werden…

Ich weiß, das ist leichter gesagt, als getan, aber das aufkratzen verschlimmert und verlängert den ganzen Prozess nur…

Also Finger weg!

Was hilft, sind Wundheilgele und deine Lieblingsserie schauen…12

 

Zusammenfassung

Die Haut ist unsere wichtigste Barriere zur Außenwelt. Wenn diese Barriere verletzt wird, finden drei Mechanismen fast zeitgleich statt, um den Blutverlust auf ein Minimum zu beschränken:

Die umliegenden Blutgefäße ziehen sich zusammen.Blutplättchen, alias CDs, lagern sich an der Wunde an. Das Protein Fibrin verstärkt den CD-Wundverschluss und agiert als Baugerüst für die nachfolgenden Moleküle der Wundheilung.

Ein Orchester an Signalen wird ausgesandt, um mit einer Vielfalt an Wachstumsfaktoren die verletzen Schichten nachzubilden. Zellen namens Fibroblasten wachsen über den provisorischen Wundverschluss und verdrängen diesen damit.

Mit der Zeit entwickelt sich daraus Kollagen und eine Narbe wird geformt. Krankheiten, Ernährung, Rauchen, Alter, Tageszeitpunkt der Verletzung und persönlicher Stresslevel spielen in die Wundheilung mit ein.

 

Fun Facts

Zum Schluss natürlich noch paar Fun Facts:

Immer wieder wurde beobachtet, dass Fingerspitzen wieder nachwachsen.

Vor allem bei Kindern!

Aber nur wenn noch ein Teil des Nagels da ist!

Mittlerweile haben Wissenschaftler herausgefunden, dass unter dem Nagelbett spezielle Stammzellen liegen. Also Vorläuferzellen die sich noch in verschiedene andere Zellen und Gewebe umwandeln können. Neben diesen Stammzellen, werden auch spezifische Wachstumsstoffe von dort ausgesandt, um die fehlende Fingerstruktur wieder nachzubauen. 13

Ein Tierchen ist in Bezug auf Wundheilung noch einen Schritt weiter voraus.

Der Axelotl.

Dieser kleine Wassersalamander heißt übersetzt Wassermonster.

Obwohl ich finde, diesen Namen hat es wirklich  nicht verdient. Eher Miniwasserdinosaurier, oder süßer Aliensalamander.

Na jedenfalls hat der Axelotl eine ganz besondere Eigenschaft.

Dieses Tier kann komplexe Körperteile nachbilden! Nicht nur eine Fingerspitze. Komplexe Körperteile! Wird dem Axelotl ein Bein abgebissen, wächst es wieder nach! Das ist für die Wissenschaft von besonderem Interesse, denn vielleicht werden wir in der Zukunft in das Geheimnis des Axelotls eingeweiht und können es für die Menschheit nützlich machen14.

 

In diesem Sinne: tut euch nicht weh und bis zum nächsten Mal bei Biochemie mit Bianca!

In der nächste Episode tauchen wir unter!

Bei diesem Taucher-special klären wir warum man nach dem Tauchen immer Pinkeln muss, wann Taucher einer blubbernden Cola-flasche gleichen und wann lebensrettender Sauerstoff lebensgefährlich werden kann!

Servus und Baba

 

  1. Kahle, C. Wundheilungsstörungen. Meine-Gesundheit.de (2013). Available at: https://www.meine-gesundheit.de/krankheit/krankheiten/wundheilungsstoerungen. (Accessed: 16th May 2019)
  2. N. LAURENS, P. KOO LWI J K, M. P. M. D. M. Fibrin structure and wound healing. J. Thromb. Haemost. 4, 932–939 (2006).
  3. Landén, N. X., Li, D. & Ståhle, M. Transition from inflammation to proliferation: a critical step during wound healing. Cell. Mol. Life Sci. 73, 3861–85 (2016).
  4. ABM Inc. Growth Factors and Cytokines – Introduction. ABM Inc. Available at: https://www.abmgood.com/marketing/knowledge_base/growth_factors_cytokines_introduction.php. (Accessed: 16th May 2019)
  5. Feichter, M. Wundheilung: So läuft sie ab. NetDoktor Available at: https://www.netdoktor.de/krankheiten/wundheilungsstoerung/wundheilung/. (Accessed: 16th May 2019)
  6. Nonnenmacher. Wundsekretbildung – Funktion, Aufgabe & Krankheiten. MedLexi.de (2019). Available at: https://medlexi.de/Wundsekretbildung. (Accessed: 16th May 2019)
  7. Advanced Tissue. Debunking Myths of Wound Care. Advanced Tissue (2014). Available at: https://advancedtissue.com/2014/07/debunking-myths-wound-care/. (Accessed: 16th May 2019)
  8. Rosso, F. et al. Smart materials as scaffolds for tissue engineering. J. Cell. Physiol. 203, 465–470 (2005).
  9. Gödel, C. Wundheilungsstörung: Ursachen, Häufigkeit, Behandlung. NetDoktor Available at: https://www.netdoktor.de/krankheiten/wundheilungsstoerung/. (Accessed: 16th May 2019)
  10. Gouin, J.-P. & Kiecolt-Glaser, J. K. The impact of psychological stress on wound healing: methods and mechanisms. Immunol. Allergy Clin. North Am. 31, 81–93 (2011).
  11. Dengler, R. Daytime wounds heal more quickly than those suffered at night. Science (80-. ). (2017). doi:10.1126/science.aar4453
  12. SimplyScience. Warum jucken Wunden beim Verheilen? SimplyScience Available at: https://www.simplyscience.ch/teens-liesnach-archiv/articles/warum-jucken-wunden-beim-verheilen.html. (Accessed: 16th May 2019)
  13. Takeo, M. et al. Wnt activation in nail epithelium couples nail growth to digit regeneration. Nature 499, 228–232 (2013).
  14. Preston, E. The axolotl genome and the evolution of key tissue formation regulators. Quantamagazine.org 50–55 (2018). doi:10.1038/nature25458

 

 

 

Ein Kommentar, sei der nächste!

  1. Hier wurde die Heilungsprozess von Wunden wirklich sehr ausführlich aber auch verständlich erklärt, danke für den Beitrag! Ich wusste nicht, dass Kochsalzlösungen mehr geeignet als Alkohol für die Reinigung einer Wunde. Ich denke, dass bei manchen Wunden ist eine Wunddokumentation notwendig, um den weiteren Heilungsverlauf einzuschätzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.